Rein subjektive Ansichten über das digitale Business

Überschätzt: China

7. Januar 2006 – 23:45 | von Matthias

Wunderland oder Träumerland China

China erscheint als der größte nationale Binnenmarkt mit geschätzten 1,2 Milliarden Konsumenten. Loben nicht besonders eifrige Consultants und Journalisten das Land im Zeichen des Drachen über den Klee, sehen eine neue Wirtschaftssupermacht mit Legionen von unbefriedigten Konsumenten entsehen? Überall hört man, dass China ein verdammt wichtiger Markt der Zukunft ist, auf dem man bereits heute präsent sein muss, um morgen vorne mit dabei zu sein. Ich nenne das Sinnvernebelung durch die Medien. Der Nebel ist so dicht, dass dabei die wirklichen Chancen verpasst werden. Es soll sogar schon einige deutsche SEOs geben, die sich ein chinesisch-sprachiges Projekt zulegen möchten, die ihre Webpräsenz gerne in diesen wunderschönen chinesischen Schriftzeichen gemalt hätten. Dabei sein ist alles? Mich erinnert das sehr stark an die .COM-Blase.

Weiche Standortnachteile

Ich kann nur jeden empfehlen, nicht nur die Jubelartikel zu lesen. Die Fachpresse ist voll von warnenden Beispielen. In China werden reihenweise mittelständische Unternehmen über den Tisch gezogen, Verträge gebrochen, Know How gestohlen, Marken- und Lizenzrechte verletzt. Oder zumindest ist das die westliche Sichtweise. Die “westliche Sichtweise” deswegen, da es enorme kulturelle Unterschiede gibt. In China — so eine für Siemens arbeitende Chinesin — gilt ein schriftlicher Vertrag bestenfalls als gute Verhandlungsbasis. Viel Glück wünsche ich jeden, der in China sein Recht einklagen will. Schon aus diesem Grund empfehle ich jeden Investionswilligen: Auf keinen Fall einen chinesischen Partner mit ins Boot nehmen; kein Gemeinschaftsunternehmen gründen. Natürlich gilt dies nicht für Siemens oder Daimler, obwohl auch diese beiden Riesen bzw. deren schon einigen Ärger hatten. Warum steht eigentlich nichts oder kaum etwas über die Fehlschläge in der Presse? Weil dadurch der chinesische Partner sein Gesicht verlieren würde. Kulturelle Unterschiede eben. Nur noch am Rande erwähnen will ich die chinesische Zensur, die auch das ein oder andere Projekt erfolgreich ins digitale Nirvana befördern kann.

Fakten, Fakten Fakten

Aber es sprechen auch rein rational-wirtschaftliche Gründe gegen ein Engagement in China. Das BSP pro Kopf liegt in China (soweit wirklich messbar) bei 960 US Dollar. Wann wird also eine breite Bevölkerung als Konsument (BSP pro Kopf ist NICHT das Einkommen!) wirklich interessant sein, wenn ich einmal eine gigantische Steigerung von 8 Prozent ansetze?

Marode Banken und die Energiefalle

Ernüchtert? Noch nicht ganz? Also weiter im Context. Das Bankensystem ist die Herzschlagader jeder Volkswirtschaft. Kranken die Banken, krankt das Land (was aber nicht im Umkehrschluss bedeuten muss, dass es dem Land gut geht, wenn die Gewinne der Großbanken sprudeln). Jedem China-Träumer empfehle ich die Lektüre des hervorragend recherchierten Artikels Der Zustand der Banken aus China Intern. Leider habe ich keinen ähnlich guten Beitrag zur Rohstoff- und Energieabhängigkeit Chinas gefunden. Chinas Fabriken sind unheimlich energieverschwenderisch, kaum mit Produktionsstätten in Deutschland vergleichbar. Verteuert sich die Energie, steigen die Produktionskosten in China überproportional. Was das für den Billigproduzenten (ja, das ist China immer noch!) bedeutet, muss ich jetzt nicht extra erwähnen. Und die Energiekosten werden steigen, sehr stark steigen; dafür muss man keine hellseherischen Fähigkeiten haben.

Lohnende Alternativen

Mehr Potential hat in meinen Augen die spanisch-sprechenden Zielgruppen, vor allem die us-amerikanischen Hispanics - aber auch in vielen Ländern Südamerikas.

  1. 8 Kommentare zu “Überschätzt: China”

  2. Charmed Fan schrieb am 9. Jan 2006 | Reply

    Endlich mal jemmand der das von der anderen Seiten betrachtet,… :D

  3. dfp schrieb am 8. Apr 2006 | Reply

    Das Phänomen „ Vernebelung der Sinne“ scheint mit
    der Euphorie, einen zukünftigen Marktanteil in China
    zu platzieren, die Sinne so mancher Manager zu be-
    einträchtigen. Die Hochindustrie stürzt sich auf den
    chinesischen Markt, und in der Zwischenzeit sichert
    sich China mit dem Geld seiner Investoren seinen
    zukünftigen Bedarf. Spricht, China investiert zum Bsp.
    erheblich Summen in Lateinamerika. Der enorme
    Bedarf den China momentan und in Zukunft hat, und
    haben wird, will gesichert sein. Zurzeit liefert Paraguay
    fast 72 Prozent der Rindfleischproduktion nach China.
    Oder, China unterstützt mit erheblich finanziellen Mitteln
    den Anbau von Ölpalmen. (Die malaysische Ölpalme
    liefert pro Hektar, das sind 10.000 qm, 10.5 Tonnen
    Pflanzenöl. u.s.w.

    Unsere Manager sollten sich lieber mehr um die Sicherung
    von Ressourcen bemühen, den Bedarf wird es in Zukunft im
    Übermaß geben.

    Gruß, Thomas

  4. Dr'Schwob schrieb am 1. Feb 2007 | Reply

    Soooooo Ischsssss- und net anderschhh!!!!!!!!!!!!!

    Ich kann auch nicht verstehen, warum die kleinen Glibberfressen so überschätz werden…

  5. Franky schrieb am 4. Aug 2007 | Reply

    Das schöne an Blogs ist, das jeder was schreiben kann.
    Das schlechte an Blogs ist, das das auch jeder tut.

    Eure Meinungen in Ehren, aber manchmal wäre es einfach besser, nichts zu schreiben. Aber Consultants leben ja davon….

  1. 4 Trackback(s)

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